Sergej Rachmaninoff (1873–1943)
– Sechs Chöre op. 15

Sei glorreich!
Sei glorreich, der den Menschen Freiheit gab! Das Los der Menschen und ihr Glück ist Licht und Freiheit – über allem anderen! Sei glorreich, der den Menschen Freiheit gab! Segne, o Herr der Recht­schaf­fenheit, unsere Mühe aus Liebe mit Glück und Ehre. Wir dagegen erflehen nur wenig von Gott. Gib uns die Kraft, unsere redliche Aufgabe fähig zu erfüllen. Sei glorreich, der den Menschen Freiheit gab! Das Los der Menschen und ihr Glück ist Licht und Freiheit– über allem anderen! Sei glorreich! Sei glorreich! Sei glorreich!
(Nikolai Neckrassov, 1821 – 1877)

Die Nacht
Leise, auf dunklen Schwingen, fliegt die Nacht über die Erde, und von irgendwoher weht ein melan­cho­lisches Lied herbei, von einer Träne verdunkelt. Hebe dich fort, klagende Melodie, da Dunkel der Nacht vergeht, und neugeboren wird der jubelnde Tag den Menschen Glück bringen. Die ermattete Erde wird ausruhen, vom Schlaf verzaubert, und die purpurne Morgenröter wird beginnen, in einem strahlend blauen Himmel zu leuchten. (V. Lodizhensky, 1859 — ?)

Die Kiefer
Im wilden Norden steht eine einsame Kiefer auf einem kahlen Gipfel. Schwankend schlummert sie, von leichtem Schnee wie von einem Gewand umhüllt. Sie träumt immerfort, dass in ferner Wildnis, in jenem Land, wo die Sonne aufgeht, allein und traurig auf einem glühend heissen Felsen eine wunder­schöne Palme wächst.
(Michail Lermontow, 1814 – 1841)

Die Wellen begannen zu schlummern
Die Wellen begannen zu schlummern, das Firmament war klar, und der Mond scheint, ein Vollmond, über dem Azur des Wasser. Die silbrige See glitzert zitternd: Ebenso wird Sorge von Freude hell erleuchtet, von Freude hell erleuchtet. 
(Konstantin Romanow, 1858 – 1915)

Gefan­gen­schaft
Warum, Nachtigall, pickst du nicht deine Körner? Warum hängt dein Köpfchen herab, und warum singst du keine Lieder? „Nachtigall sang im Frühling den Wäldern und nun lasse ich meinen Kopf in diesem goldenen Käfig hängen! Meine Gefährtin trauert um mich auf ihrem Zweig, und die lieben Kleinen bedürfen meiner; warum sollte ich singen wollen?“ Das Fenster hinaus zu deinem Wald ist offen, sei glücklich, mein Liebes, und fliege schnell fort.
(N. Tsiganow, 1800 – 1833)

Der Engel
Ein Engel flog durch den Mitter­nachts­himmel, leise ein Lied singend; zusam­men­ge­schart lauschten der Mond, die Sterne und die Wolken dem heiligen Lied. Er sang vom Glück sündenloser Seelen unter dem Laub der Paradies­gärten; er sang vom großen Gott, und sein Lob war aufrichtig. In seinen Armen trug er eine junge Seele, der Welt der Trauer und der Tränen bestimmt. Und der Klang des Liedes blieb in dieser jungen Seele, ohne Worte, aber lebendig. Und lange schmachtete diese Seele auf Erden, erfüllt von einem wundersamen Verlangen; und die öden Erden­lieder konnten für sie die Klänge des Himmels nicht ersetzen.
(Michail Lermontow, 1814 – 1841)

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