Ralf Hoyer / Über fluctus sonorum

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Ralf Hoyer

geboren 1950 in Berlin, absol­vierte ein Tonmeis­ter­studium an der Hochschule für Musik “Hanns Eisler“ Berlin. Von 1975–1978 arbeitete er als Tonre­gisseur im VEB Deutsche Schall­platten, von 1977–1980 war er Meister­schüler für Kompo­sition an der Akademie der Künste der bei Ruth Zechlin und Georg Katzer, seitdem arbeitet er freischaffend. Sein Werkver­zeichnis umfasst Kompo­si­tionen für kammer­mu­si­ka­lische Beset­zungen, Chor, Orchester, Kammeroper und elektro­nische Musik, die Entwicklung und Reali­sation von Musik­Thea­ter­In­stal­la­tionen, multi­me­dialen Projekten und Klang­in­stal­la­tionen, oft auch zusammen mit Susanne Stelzenbach. Verschiedene Preise, Stipendien und Arbeits­auf­enthalte. Gründungs­vor­sit­zender der Initiative Neue Musik Berlin 1991–93, Vorsit­zender der Berliner Sektion des Deutschen Kompo­nis­ten­ver­bandes 1995–1998, seit 2010 Vorsit­zender der Berliner Gesell­schaft für Neue Musik. Aufträge von inter­na­tionalen Festivals, Theatern und Rundfunk­sendern, Auffüh­rungen in verschiedenen europäischen Ländern, den USA sowie zu den Weltmu­siktagen der ISCM 2006 in Stuttgart.

 

Ralf Hoyer zu  fluctus sonorum

Seit längerer Zeit inter­es­sieren mich Klänge in großen Räumen. Eine schnelle Folge von Einzeltönen verschmilzt zu einem Klangband, ein kurzer lauter Ton regt den Nachhall des Raumes an, der Raum klingt erst nach mehreren Sekunden aus. Dadurch ergeben sich zahlreiche Übergänge und Verwi­schungen. Bei manchen Musik­stücken können diese klang­lichen Verwi­schungen die Wahrnehmung des musika­lischen Verlaufs stören. In fluctus sonorum sind die Klang­ver­än­de­rungen durch die akustischen Eigen­schaften des Raumes Bestandteil der Kompo­sition, es wird ihnen genügend Zeit gegeben sich zu entwickeln und zu vergehen, das kann man hörend verfolgen.

Doch dies ist nur die technische Seite.

Jedes Kunstwerk ist vor allem auch eine sinnliche Erfahrung, und nur über diese kann sich eine spiri­tuelle Erfahrung einstellen, kann eine Katharsis erfolgen. So, wie der gewaltige Bau des Domes St. Stephanus und St. Sixtus zu Halberstadt auf jeden einwirkt, der sich in ihm befindet, kann eine Musik, die einen solchen Raum zu füllen vermag, schließlich auch den Hörer erfüllen.

Doch was ist es eigentlich, das diese Erfüllung ausmacht? Was ist der Inhalt dieser rätsel­haften Sinnhaf­tigkeit? Er lässt sich nicht benennen, ohne dass er dabei banalisiert wird und seine Aura verliert. Zudem sind ja die Sinnes­ein­drücke und Empfin­dungen eines jeden Menschen von ganz unter­schied­licher Qualität, abhängig von seiner persön­lichen Prägung, von seinen Vor-Urteilen und auch von seiner augen­blick­lichen Verfassung.

Wie man sich einem Kunstwerk nähern könnte schreibt der Maler Willi Baumeister zu Beginn seines Buches „Das Unbekannte in der Kunst“:

Kunst­be­trachtung ist ein einfa­cherer Vorgang als allgemein angenommen wird. Der Zustand    des Betrachters ist sein Ausgangspunkt, nicht seine „Meinung“ oder der „gesunde Menschen-verstand“... Andererseits ist Kunst­be­trachtung nicht ein Vorgang, der der Mahlzeit eines kleinen Kindes vergleichbar ist, das den ihm einge­löf­felten Brei schluckt. Das Kunstwerk ist keine total geöffnete Plattheit, sondern es gleicht eher einem vierzeiligen Vers, dessen letzte Zeile fehlt. Der Betrachter nimmt das Aufnehmbare in Einfalt auf. Durch die Antriebskraft des Werkes lässt er sich weiter führen. In den Weiten der Empfin­dungen öffnen sich die Werte.     

Willi Baumeister:“ Das Unbekannte in der Kunst“, Verlag M. DuMont Schauberg Köln 1960, S. 24

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