Leoš Janáček
Belvedere aus dem Zyklus „Hradschiner Lieder“

Leoš Janačeks Zyklus „Lieder vom Hradschin“ (1916) zu Versen von František Serafin Procházka bilden melan­cho­lische Traum­me­di­ta­tionen über das alte Prag. Aus den Liedern klingt die Sehnsucht nach dem einstigen Ruhm der Prager Burg (Hradschin) und nach gegen­seitiger Menschenliebe in der schweren Kriegszeit. Die Harfen­be­gleitung im Chor „Belvedere“ evoziert das Spiel der Königin Anna, für die ihr Gatte, König Ferdinand I. dieses Lustschlösschen erbauen ließ.

Text
Steinerne Dichtung im Blüten­di­ckicht! Rings neigt die Linde niedrige Zweige. Hymnischer Gruß ew’ger Schönheit, frohlockend im hohen Bogen. Aschgraues Windhundpaar tummelt sich in spielenden Sprüngen auf dem Rasen. Akkord der Harfe durchzog in süßem Sehnen leise den Garten. Da griff in süßem Sehnen in die Saiten die Urenkelin von Jagellos. Töne ergießen sich raunend, ob sie locken wollten. Und rote Blüten sprießen erglühend in die erträumte schöne Idylle. Doch täuscht das Gedicht. So sollt’ es sein. Königin, wo bist du geblieben? Tot liegt hier dein Körper, die Harfe harrte vergebens. Und feste Türme erheben sich steil in der Nähe, doch jenseits des Grabens vergitterte Fenster, Fallloch in der Decke, Aufrührer stürzen tief hinab. Und ihre Flüche, ihr Gestöhn rau durch den Garten gellet. Sie übertönen, Harfe, deine Töne. Ach, ringsumher flammen Feuer auf. Neues Geschehen ist am Werke, Bruder den Bruder vom Throne reißt. Am Ende seiner Pilgerfahrt, in seinem Zufluchtsort, klagt er seinen Gram. Ach, brausender Sturmwind, Aufruhr, gräss­licher, alles hinweg­fegend. Du herrliches Gedicht, du bleibest steh’n! Liebe baute deinen Stolz und meißelte Schönheit in den Stein, wo sonst der wild aufge­reizte Dämon der Wut die tsche­chische Flur verwüstete. Ach, wenn doch nur die Liebe lebte, sehenden Auges durchs Land schreitend, wo wärest du dann, welche Wunder, gäb’ es dann!

(František Serafínský Procházka, Übersetzung von Peter Corff)

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