Heinrich von Herzogenberg — Sechs Mädchenlieder

Heinrich von Herzo­genberg (1843 – 1900) – Sechs Mädchen­lieder

Mir träumte von einem Myrthenbaum, so blühenden hab’ ich nie geseh’n. Die Nacht, die ist vergangen, der Traum will nicht vergeh’n. Was soll mir nun mein Sträußlein bunt, was soll mir nun der Veilchenkranz? Ich wollt’, es wären Myrthen, da führt’ er mich zum Tanz, der Himmel wär’ mir aufgethan! O Liebster, holder Liebster! Wie lange steht’s noch an?

Drunten auf der Gassen stand ich, sein zu passen; schlugen Nachti­gallen an den Fenstern allen, und ich blieb alleine bei der Blitze Scheine, bis die Nacht gewichen, und da bin ich frierend heimge­schlichen. Über meine Wangen ist der Tau gegangen, und nun lös’ ich stille meiner Locken Fülle. Dass ein Sturm erginge, sich darin verfinge, mich zum Himmel trüge weit hinweg aus dieser Welt der Lüge.

Sang ein Bettler­pärlein am Schen­kenthor, zwei geliebte Lippen an meinem Ohr: „Schenkin, süße Schenkin, kredenz dem Paar, ihrem Dürsten biete die Labung dar!“ Und ich bot sie willig, doch, doch, der Gast im Nu biss mir wund die Lippen, und lacht, und lacht dazu: „Ritzt der Gast dem Becher ein Zeichen ein, heisst’s er ist zu eigen nur ihm allein“

Der Tag wird kühl, der Tag wird blass, die Vögel streifen über’s Gras; schau, wie die Halme schwanken von ihrer Flügel Wanken, und leise weh’n ohn Unterlass. Und abends spät die Liebe weht ob seines Herzens Rosenbeet. Die Zweige flüstern und beben, und holde Gedanken weben sich in mein heimlich Nachtgebet. Du fernes Hertz, komm zu mir bald, sonst werden wir beide grau und alt, sonst wächst in meinem Herzen viel Unkraut, Dorn und Schmerzen, die Nacht wird lang, die Nacht wird kalt, du fernes Herz komm bald zu mir!

Auf der Nacht in der Spinn­stuben da singen die Mädchen, da lachen die Dorfbuben, wie flink geht das Rädchen. Spinnt jedes am Braut­schatz, dass der Liebste sich freut; nicht lange, so gibt es ein Hochzeits­geläut’. Kein Mensch, der mit gut ist, will nach mir fragen. Wie bang mir der Mut ist, wem soll ich’s klagen? Die Thränen rinnen mir über’s Gesicht, wofür ich soll spinnen, ich weiss es nicht!

Und bild’ dir nur nichts ein im Traum, du bist mir viel zu jung; um’s Kinn noch kaum dir sprosst der Flaum, das ist mir nicht genug! Und wenn ich einen heirathen thu’, muss sein ein Reiter zu Ross, noch eins so lang, noch eins so breit wie du, sein Bart zweier Ellen groß. Sein Rappe saust im Windeslauf, sein Bart, der deckt mich zu; ich sitz’ vor ihm am Sattelknauf, und hinterm Ofen du. (Paul Heyse)

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